|
Das Haus Cyriacusstraße 2 gehört zu
den kulturgeschichtlich bemerkenswertesten und selten gewordenen
Bauwerken seiner Art nicht nur in Gernrode oder im Landkreise
Quedlinburg, sondern im gesamten Lande Sachsen-Anhalt, was nachfolgend
erläutert werden soll.
Das Reichsstift und die von ihm abhängige Stadt Gernrode sind derjenige
Ort im gesamten alten deutschen Reiche, der sich als erster - bereits
1521! - der Reformation Martin Luthers angeschlossen hat, vorbereitet
durch das frühe theologische Wirken Thomas Müntzers als Propst des
Gernrode unterstellten Stiftes Frose bei Aschersleben 1516 / 1517 unter
der damaligen Äbtissin Elisabeth von Weida. Ihr vermittelte Stephan
Molitor schon 1519 Luthers reformatorisches Anliegen.
Wenig später brachte der Gernröder Andreas Popperodt, der in Wittenberg
bei Philipp Melanchthon studiert hatte, dessen Entwürfe einer
reformatorischen Schul- und Kirchenordnung wie auch Luthers Empfehlungen
zum Allgemeinen Gotteskasten aus säkularisiertem Kirchengut als
wirtschaftliche Grundlage des reformatorischen Schul- und Kirchenwesens
nach Gernrode. - Dies ist der Hintergrund, vor dem das Haus
Cyriacusstraße 2 seine kulturgeschichtliche Bedeutung erhält.

Mittlerweile überregional bekannt
begeistern nicht nur Mineraliensammlung und wechselnde
Kunstausstellungen. Highlight ist das Klassenzimmer, das originalgetreu
wiederhergestellt wurde und die Atmosphäre des Lehrens und Lernens im
18.Jahrhundert glaubhaft widerspiegelt. Statt Tupperdosen und
Colaflaschen liegen Griffel und Schiefertafeln auf den Bänken.

Viele Schulklassen aber auch
Kindergärten aus Nah und Fern nutzen hier die Möglichkeit im Rahmen
einer Schulstunde der besonderen Art, die Umstände kennen zu lernen
unter denen Ihre Ururgroßväter das Einmaleins erlernten.
Nach 1523, sicherlich noch in den 1520-er Jahren, richtete Andreas
Popperodt nach Melanchthons Vorgaben die erste reformatorische Stadt-
und Bürgerschule in ganz Deutschland nach Wittenberg selbst ein.
1533 wird sie erstmalig bezeugt. Das erste evangelische Schulgebäude
Deutschlands nach demjenigen in Wittenberg stand auf demselben Platz und
Grundstück wie die noch erhaltene alte Gernröder Stadtschule.
Diese entstand als ein Nachfolgebau in der 2. Hälfte des 18.
Jahrhunderts, etwa um 1770 / 1780 (sofern nicht spätere Aktenstudien das
genaue Baujahr ergehen), als ein zweigeschossiges Fachwerk-Gebäude mit
Barnsteinausfachungen von zweckhaft schlichter Erscheinung, doch
stattlichen Abmessungen und angenehmen Proportionen. Innerhalb des
mittelalterlichen Stadtkerns von Gernrode, gelegen zwischen dem
Marktbereiche mit dem Rathaus und der früheren Stadtkirche St. Stephani
auf der Anhöhe im Osten und dem Stiftsbezirk St. Cyriaci im Westen,
unmittelbar vor dem "Burggraben", der noch heute die östliche Grenze des
festen Hofes des Markgrafen Gero markiert, gewissermaßen in Grenzlage,
drückt es bereits durch seine Lage im Stadtgrundriss seine rechtliche
Stellung aus: eine vom Stift Gernrode für den Flecken Gernrode (der
wenig später - 1549 - von der Äbtissin Anna von Plauen die Stadtrechte
erhielt) etablierte Bildungsanstalt!
Insofern ist die Schule als wichtigstes Glied der geistigen
"Infrastruktur" eng mit der Stadtwerdung Gernrodes verbunden.
Doch auch im visuellen Sinne befindet sich die Schule in einer wahrhaft
hervorragenden Position: in der Gabelung der Cyriacus- und der
Klosterstraße als bühnenhafter Abschluß einer dort entstandenen
platzartigen Verbreiterung bildet es außerhalb des Stiftsbezirkes neben
dein Markte mit dem neuen, anspruchsvollen Rathause von 1914 / 1915
einen der Höhepunkte innerhalb der bescheidenen städtebaulichen
Szenerien Gernrodes.
In seiner effektvollen urbanistischen "Inszenierung" stellt sich das
SchuIgebäude neben den "Finkenherd'' in Quedlinburg und noch vor den
"Buhnenkopf" in Tangermünde.
Auch als Neubau des späteren 18. Jahrhunderts Ist es noch immer eines
der ältesten erhaltenen Schulgebäude Sachsen-Anhalts. Die Gliederung der
mehrteiligen Baugruppe wiederspiegelt außerdem die sozialökonomischen
Grundlagen und Nutzungen des reformatorischen Schulwesens. Entsprechend
ihrer Lage in der Straßengabel nimmt sie ein gestrecktes, rückwärts nach
Süden trapezförmig verbreitertes Grundstück ein. Das eigentliche
Schulhaus bildet den Nordteil der Baugruppe. Es stemmt seine
Krüppelwalm-Giebelstirn mit einer beherrschenden Fensterlunette in
bogenförmiger Sprossung als zurückhaltende, doch edle Schauseite In die
Mitte der genannten Straßengabel. Das Erdgeschoß ist durch einen
Ladeneinbau des 19. Jahrhunderts aufgerissen. Der mittlere
Gebäudeabschnitt dürfte die Schulmeisterwohnung enthalten haben. Der
südliche Gebäudeteil hingegen diente als "Wirtschaftsorganismus". Das
massive Erdgeschoß aus Bruchstein und das knapp auskragende Obergeschoß
aus Fachwerk zeigen an der Cyriacusstraße eine symmetrische Austeilung
von mittlerer Einfahrt, Fensterachsen und Gefachen, während zur
Klosterstraße ein kleiner Hof ausgespart ist. Dieser in der
Gesamtwirkung hinsichtlich seiner Proportionen und seiner
Fassadengestaltung bestimmende Bauteil dokumentiert die
sozialökonomischen Grundlagen der Schule: Hier wurden die Naturalzinsen
aus dein Grundbesitz der Schule, den Luthers Gotteskasten-Ordnung
angeregt hatte, eingetan, um davon die Naturalentlohnung der
Schulbediensteten zu bestreiten und deren Überschüsse für die
Geldentlohnung der Schulbediensteten, gelegentlich gar zu Geldgeschäften
für Anschaffungen und Neubauten, umzusetzen. Äußerst selten sind auch
diese Aspekte das evangelischen Schulwesens aus überkommenen Bauwerken
abzulesen.
Es ist ein Glücksfall, daß die Gernröder Schule In ihrer so
unmittelbaren reformatorischen Überlieferung die Gesamtheit des
reformatorischen, Schulwesens monumental vorzeigen kann. So verbinden
sich hier alle Aspekte des reformatorischen Schulwesens - der
Unterricht, die soziale Situation der Schulmeister und die
sozioökonomischen Grundlagen des Schulwesens - zu einer im weitesten
Umkreise, vielleicht im ganzen Lande Sachsen-Anhalt einzigartigen, in
ihrer Zusammensetzung lehrhaften, in ihrer künstlerischen Qualität und
städtebaulichen Situation beeindruckenden Baugruppe. In eben dieser
kulturgeschichtlichen, städtebaulichen und baukünstlerischen
Vielgestaltigkeit und Komplizität ist sie als ein seltenes Denkmal
geschichtlicher Anschauung in jenem oben umschriebenen Bereiche rundum
erhaltenswert. |